Im Herbst 2025 hatte ich mich mal wieder mit Nico Germanos von Quint-Audio ausgetauscht und er machte dabei den Vorschlag, einen Workshop in seinen Geschäftsräumen zu veranstalten. In den 2010er Jahren gab es dort mehrere Treffen, die immer äußerst interessant und informativ waren, und daran wollten wir wieder anknüpfen.
Zuerst galt es, ein Thema zu finden. Mir schwebte etwas vor, womit man interessierte Selbstbauer näher ans Entwickeln einer Weiche heranführen konnte. Deshalb schlug ich einen Workshop zum Thema
Messen einen 3-Wegers und Abstimmen mit Hilfe von Vituixcad vor. Da Nico selbst mit anderen Programmen arbeitet, fand auch er die Idee spannend um zu sehen, wie weit man heute mit Open Source
Software kommt.
Da wir dazu bei Quint-Audio eingeladen waren, sollte das Testprojekt logischerweise mit Chassis aus dem Sortiment des internen Stores bestückt sein. Ein 3-Weger war gesetzt, da wir es uns nicht
zu einfach machen und beim Workshop auch die Fallstricke von Mehrwegern aufzeigen wollten. Auch auf die Idee, eine Art Retrobox mit eher breiter Schallwand und seitlich versetzten Mittel- und
Hochtöner umzusetzen, konnten wir uns schnell einigen.
Das Scan Speak Sortiment bietet für ein solches Vorhaben jede Menge passende Chassis. Um den finanziellen Aufwand in Grenzen zu halten, konzentrierten wir uns auf die preiswerte, aber dennoch
sehr hochwertige Discovery-Linie des dänischen Herstellers.
Im Tiefton zeigte eine Simulation des 22W-8534G00-8, dass dieser in ca. 30 Liter mit einer Gehäusegüte von 0,9 ideale Bedingungen für GHP bietet:
Scan Speak 22W / 8534G00 in 30 L CB
Schaltet man noch einen großen Kondensator in Reihe zum Chassis, erhält man eine ausgewogene Wiedergabe im Bass mit einem -3dB Punk bei rund 40Hz. Für eine geschlossene Box also eine mehr als nur
ausreichende Tiefbassausbeute.
Im Hochton fiel die Wahl schnell auf den D2604-830000. Auf den ersten Blick eine unspektakuläre 1" Kalotte ohne Besonderheiten, die im Scan Speak Sortiment allen schon wegen ihres
geringen Preises den Einstieg markiert. Das Datenblatt zeigt eher durchschnittliche Messungen, allerdings verzerrt die Darstellung von 10-100000 Hz diese Messung ausnahmsweise mal eher zum Nachteil des Chassis.
Viele andere Hersteller versuchen an dieser Stelle durch andere Formate, ihre Chassis besser dastehen zu lassen, als es tatsächlich der Fall ist.
Warum wurde aber nun dieser so gewöhnlich erscheinende Hochtöner gewählt? Eine unabhängige Messung bei Dibirama zeigt eindrucksvoll,
welche Klasse diese Kalotte besitzt. Schon ab 700Hz voller Pegel, der bis 20kHz ausgewogen und sehr linear verläuft, dazu ein tadelloses Ausschwingverhalten, niedrige Verzerrungen und ein
störungsfreier Impedanzschrieb. Kurz: Dieser Hochtöner spielt auf extrem hohem Niveau und zeigt sogar manch vielfach teureren Exemplaren die Rücklichter.
Bei der Frage nach dem Mitteltöner waren wir uns dagegen nicht sofort einig. Ich hätte gerne den ausgewiesenen Mitteltöner 15M-4624G00 ins Boot geholt. Nico meinte allerdings, dass er den
günstigeren 12W-8524G00 klar bevorzugen würde, da Dieser nicht nur noch besser im Mittelton läuft, sondern auch hochwertiger aussieht und optisch besser zum Tieftöner passt.
Seiner Expertise bin ich schlussendlich gerne gefolgt, und damit stand die Bestückung der "Ventura". Den Namen könnte man sowohl mit Glück, als auch Schicksal übersetzen und er sollte ein gutes
Omen für die Teilnehmer des Workshops darstellen.
Nico gefiel die Idee zu dieser Box im Übrigen so gut, dass er kurzerhand beschloss, seine eigene Variante davon, die Ventrua Quint-Edition, zu entwickeln. Dabei
hat er mittels hochmodernen Simmulationstools einige sehr interessante Lösungen gefunden, die dem Hobbyentwickler nicht zur Verfügung stehen und dem Profi vorbehalten sind. Die Teilnehmer des
Workshops konnten sich davon auch direkt überzeugen. Dass seine Weichenauslegung hervorragend funktioniert, war keine echte Überraschung. Als wir aber erfahren haben, dass er den Hochtöner schon
bei 1kHz ins Spiel bringt, staunten wir dann doch nicht schlecht. Hörtest und Klirrmessungen zeigten, dass der D2604-830000 das alles absolut problemlos mitmacht. Offenbar hatten wir bei der
Chassisauswahl ein glückliches Händchen.
Da wir uns damals mehr auf die Einzelheiten des Entwickelns konzentrierten und weniger Wert auf die Feinabstimmung legten, haben wir uns beim 20. DAU-Treffen unserer Version der Ventura nochmal
angenommen.
Wie immer stehen die Messungen der einzelnen Chassis am Anfang jeder Entwicklung. Da es bei dieser Chassisanordnung natürlich Unterschiede zu beiden Drehrichtungen gibt, werden hier beide Seiten
gegenübergestellt:
Scan Speak 22W / 8534G00 unbeschaltet
Scan Speak 12W / 8524G00 unbeschaltet zu beiden Seiten
Scan Speak D2604-830000 unbeschaltet zu beiden Seiten
Im Großen und Ganzen verhalten sich die Chassis wie vermutet. Beim Tieftöner kann man ab 400Hz aufwärts schön den Baffle-Step erkennen und er läuft tatsächlich bis rund 2kHz sehr linear. Der Mitteltöner macht seinem Namen alle Ehre und könnte sogar bis 5kHz eingesetzt werden. Nur knapp unter 2kHz gibt es eine kleine Senke, die wohl durch die Schallwandkanten verursacht wird.
Abgesehen von einem Tal bei rund 3kHz verläuft auch der Frequenzgang des Hochtöners mustergültig. Dass diese Delle ganz klar auf die Kappe des Gehäuses geht, zeigten die Messungen unter Winkeln,
welche in diesem Frequenzbereich keine Senke aufweisen.
Dass die Gehäusegestaltung und die Chassisposition auf der Schallwand ein paar kleine Schwierigkeiten verursachen werden, war uns durchaus bewusst. Einerseits gehört auch das zu den Dingen, die
wir beim Workshop zeigen wollten, andererseits wollten wir aber auch aufgrund der Optik ein paar Kompromisse in Kauf nehmen.
Ein großer Fehler wäre es, Einbrüche im Frequenzgang auf Achse aufgrund der Gehäusegeometrie korrigieren zu wollen. Macht man dies, handelt man sich in der Abstrahlung jenseits von 0° massive
Überhöhungen ein, die ein natürliches Klangbild trotz einer sauberen Messung auf Achse verhindern. Wir müssen also zwangsläufig mit den kleinen Dellen bei 1,8 sowie gut 3kHz leben.
Nachdem die virtuelle Weiche in Vituixcad immer mehr verfeinert werden konnte, wurde das Ergebnis schließlich provisorisch aufgebaut, um sich im Hörtest zu beweisen. Oft ist es so, dass man auch
beim Simulieren nicht wirklich sagen kann, ob ein Bauteil einen Wert größer oder kleiner sein sollte. Hier entscheidet am Ende natürlich immer, was an den Ohren ankommt.
So haben wir auch bei diesem Projekt noch zwei, drei Änderungen vorgenommen, welche das Ergebnis in Nuancen immer weiter verbessert hatten, bis wir zufrieden waren.
Am Ende gab es von allen DAUlern einen Daumen nach oben, womit die Entwicklung abgeschlossen war und abschließende Messungen eingefangen werden konnten.
Ventura gefensterte Achsenmessung + Einzelzweige
Eindrucksvoll zeigte sich wieder die Übereinstimmung mit der Simulation:
Ventura Simulation
Hier kann man auch noch schön erkennen, dass trotz des nicht ganz ausgewogenen Frequenzgangs auf Achse der Energiefrequenzgang (dunkelblaue Linie im Fenster CTA-2034) sehr gleichmäßig zum Hochton
hin fällt, genau wie es sein sollte.
Was vielleicht noch auffällt, ist die recht niedrige Impedanz in der Simulation, die bei 4kHz sogar einen Wert unter 3Ohm erreicht. Erfahrungsgemäß liegt der tatsächlich gemessene Wert aber ein
ganzes Stück höher, daher machten wir uns darum keine großen Sorgen. Die Messung zeigte dann auch einen Verlauf, der die Vorschriften für einen 4-Ohm Lautsprecher über den gesamten
Frequenzbereich hinweg einhält. Die Ventura stellt also für keinen einigermaßen stabilen Verstärker ein Problem dar.
Ventura Impedanzverlauf + Phase
Die Weichenschaltung sieht wie folgt aus:
Ventura Frequenzweichenplan
Der Hochtöner wird mit einem Filter 3. Ordnung beschaltet, alle anderen Filter sind 2. Ordnung. Hoch- und Tieftöner bekommen noch jeweils einen Saugkreis spendiert, um Überhöhungen
auszubügeln.
Wie immer gibt es natürlich auch dieses Mal einen Warenkorb für die erforderlichen Bauteile im Quint-Store:
Auch wenn die Weiche nicht allzu aufwändig daher kommt, erfordern 3-Weger immer etwas größere und damit teurere Bauteile. Die Kosten für die Weiche erscheinen daher im ersten Moment evtl. etwas hoch, aber das akustische Ergebnis rechtfertigt die Investition zweifellos.
Klanglich sind wir mit der Ventura sehr zufrieden. Trotz geschlossenem Gehäuse ist sie keinesfalls zurückhaltend im Bass und spielt erstaunlich souverän, selbst in den tiefsten Lagen. Natürlich macht sie dies dennoch mit Kontur und Klarheit, aber eben auch mit einer kleinen Portion Spaß.
Der Mittelhochtonbereich glänzt mit toller Auflösung und realistischer Abbildung, wird dabei aber niemals Aufdringlich oder gar nervig. Im Gegenteil, die Ventura bleibt stets entspannt, obwohl
man auch feinste Details problemlos hören kann.
Das funktioniert alles schon bei gemäßigten Pegeln hervorragend, wobei man bei Bedarf aber auch mal mit höherer Lautstärke hören kann, ohne die Box in Schwierigkeiten zu bringen. Die Frage nach
der Ausrichtung der beiden LS kann hier nicht geklärt werden. Je nach Raum und Aufstellung kann es sein, dass die Varianten mit MHT außen oder innen besser funktionieren. Hier gilt es, selbst zu
testen.
Viel Spaß beim Nachbauen wünscht das DAU-Team!
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