Audeca

Ich wollte schon immer einmal einen Lautsprecher mit Bändchen-Hochtöner haben, und so habe ich mich im Sommer 2012 spontan dazu entschlossen, die Speedster vom Amerikaner Paul Carmody nachzubauen. Die TMT-Chassis waren damals nicht in Deutschland erhältlich, ich konnte sie in Italien aber relativ günstig besorgen. Die kleine Box machte dann auch ziemlich viel richtig und sorgte für so einige erstaunte Gesichter.

 

Durch die sehr tiefe Abstimmung ist das aber nur eine Box für gemäßigte Lautstärken oder als Desktop-Beschallung. Außerdem sind die Tiefmitteltöner eigentlich keine besonders geeigneten Chassis für ein Bassreflexgehäuse. Und so keimte in mir die Idee, der Speedster eine große Schwester zur Seite zu stellen - die Audeca.

Dafür griff ich bei beiden Chassis auf das jeweils nächstgrößere Modell zurück. Im Hochton ist das der Fountek Neo CD 3.0:

Fountek Neo CD 3.0

Ein Bändchen mit runder und im Durchmesser 11cm großer Frontplatte aus Aluminium. Einsetzbar ist dieser Hochtöner ab etwa 3kHz. Die Verarbeitung ist tadellos und es gibt ihn sowohl mit schwarzer als auch mit silberfarbener Front.

Im Tiefmittelton kommt folglich der Tang Band W5-1685 zum Einsatz:

Tang Band W5-1685

Dieses von vorne recht unauffällig gestaltete Chassis hat es buchstäblich faustdick hinter der Membran. Ein riesiger Antrieb sorgt hier für ungläubiges staunen. Hintergrund der Materialschlacht ist die Unterhangschwingspule, welche mit der Antriebskraft relativ verschwenderisch umgeht. Bei konventionellen Chassis ist die Schwingspule länger als der Luftspalt des Magneten, so dass eben jener Luftspalt immer komplett mit den Windungen der Spule gefüllt ist (bis zum Erreichen des maximalen, linearen Hubes). Nicht so beim W5. Bei ihm ist die Spule deutlich kürzer als der Luftspalt, und somit wird auch nur ein Teil der magnetischen Energie genutzt, was recht große Antriebe erforderlich macht. Die folgende Grafik zeigt dies im Querschnitt:

Der Vorteil einer Unterhangschwingspule besteht darin, dass sich die Schwingspule im linearen Arbeitsbereich immer in einem homogenen Magnetfeld innerhalb des Luftspalts befindet. Tritt die Spule im Betrieb aus dem Magnetfeld heraus, entstehen unerwünschte induktive Störungen. Da sich bei einer Überhangschwingspule immer ein Teil der Spule außerhalb des Luftspaltes befindet, gibt es diese Störungen dort zwangsläufig. Dennoch ist die Überhangbauweise deutlich verbreiteter, vor allem weil diese Antriebe bedeutend kostengünstiger sind.

Da dieser Tiefmitteltöner auch am oberen Ende seines Übertragungsverhaltens sehr gutmütig arbeitet, stand der Kombination mit dem Bändchen nichts im Wege. Im Gegensatz zur Speedster wollte ich es hier aber mit einer geschlossenen Box, unterstützt durch einen Hochpass versuchen. Dafür waren die angestrebten 10L Nettovolumen genau richtig. Den Unterschied mit und ohne Hochpass kann man an den Nahfeldmessungen sehr schön sehen:

W5-1685 ohne GHP Kondensator (Nahfeld)

Ohne Kondensator gibt es im Bereich um 100Hz eine leichte Betonung und unterhalb von 80Hz beginnt der Frequenzgangabfall.

W5-1685 mit GHP Kondensator (Nahfeld)

Mit Hochpass verläuft der Frequenzgang dagegen recht ausgewogen bis unter 50Hz. Für eine geschlossene Box dieser Größe schon sehr beachtlich.


Solch tiefe Frequenzen kann man nur noch im Nahfeld direkt an der Membran des TMT sauber erfassen. An dieser Position kann man jedoch den Baffle-Step nicht erfassen, weshalb diese Messung auch nach oben nur bis in den Grundton Gültigkeit hat. Daher enden die Messungen auch bei 250Hz.

Für Messungen im Tiefton bei den üblichen 1m Abstand, müsste sowohl Box als auch Mikro sehr weit von den nächsten Begrenzungsflächen (Wände, Boden,Decke) entfernt sein. Ich habe das mit der Audeca damals in der Scheune eines sehr guten Freundes versucht und habe alles auf etwa 3,5m Höhe gebracht:

Audeca Messung in 3,5m Höhe

Doch selbst mit diesem umständlichen Aufbau waren saubere Messungen bis lediglich 60Hz hinunter möglich.


Da Simulationen und eine Überprüfung per Nahfeldmessung allerdings absolut ausreichend sind, ist der ganze Aufwand gar nicht nötig. Die Messungen für die finale Abstimmung wurden daher wieder in normalen Höhen gemacht und entsprechend bei knapp unter 200Hz abgeschnitten.


Da dies meine erste ernstzunehmende Box war, durchlief die Audeca im Laufe der Zeit mehrere Evolutionsstufen und diente somit auch als Lernobjekt. Nicht ganz leicht war beispielsweise die Beschaltung des Hochtöners, da dieser im Bereich um 2kHz eine deutliche Betonung vorweist, welche sich bei Nichtbeachtung unangenehm in den Vordergrund spielt und damit erhebliches Potenzial verschenkt werden würde.


Nicht zuletzt dank der tollen Hilfe meiner Freunde vom DAU konnte sich das Ergebnis dann schlussendlich auch messtechnisch sehen lassen.

Audeca 0° + Zweige

Tiefmitteltöner und Hochtöner summieren sich im Übernahmebereich perfekt, und auch die Filterflanken verlaufen schön symmetrisch. Auf Achse ergibt sich eine leichte Zurückhaltung im Präsenzbereich, welche jedoch durch die hier weniger starke Bündelung unter Winkel wieder ausgeglichen wird:

Audeca 0° - 45°

Der ausgewogenste Frequenzgang stellt sich bei einem Abhörwinkel von etwa 15° ein:

Audeca 15°

Theoretisch sollte die Audeca also nur leicht auf den Hörplatz hin eingewinkelt werden.

Leider habe ich meine Audeca vor einiger Zeit verkauft, was ich mittlerweile durchaus bereue. Auch wenn sie eine Nummer größer und auch etwas pegelfester als die Speedster ist, machte die Audeca besonders bei gemäßigten Pegeln mit ihrer tollen Auflösung viel Spaß. Mit einer Wand im Rücken war es außerdem absolut erstaunlich, welch tiefe Töne aus den kleinen Kisten kamen. Vor allem die Räumlichkeit hat mich damals sehr beeindruckt. Da man bei den eigenen Kindern aber nicht unbedingt besonders objektiv ist, zitiere ich an dieser Stelle einen Nachbauer, der auch einen Vergleich mit einer recht weit verbreiteten Fertigbox ziehen konnte:

Klang im Vergleich zu den Dali Zensor 1 welche dadurch ersetzt wurden:


#Der tiefe Bereich kommt deutlich knackiger und detaillierter zum Vorschein, sie spielen auch deutlich leichtfüßger und reaktionsfreudiger auf. Schlagzeug-Solos machen richtig Spaß.


#Der hohe Bereich ist gänzlich anders wahrnehmbar. Die Zensor sind etwas mehr höhenbetont und neigen fast etwas anstrengend zu sein. Die Auflösung der Audeca ist keinesfalls schlechter sondern deutlich harmonischer und eingebundener.

 

#Räumlichkeit und Staffelung. Die Stereomitte ist extremst präzise. Zwischen den 2 Lautsprechern ist der Center der Heimkinoanlage angebracht. Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich meinen, dass dieser mitarbeitet. Die Ortbarkeit ist auf sehr hohem Niveau auch wenn meine Raumakustik weit weg von optimal ist.

In Summe machen die LS sehr viel Spaß und laden zum entspannten Musik hören ein. Wenn man sich setzt und die Ohren auf Höhe der Bändchen gelangen merkt man richtig wie man eintaucht. Gefährlich ist nicht nur wie viel Zeit verstreicht sondern wie auch die Lautstärke gerne nach oben wandert und noch mehr Laune bereitet.


Am Ende gibt es natürlich noch den Weichen- und Gehäusebauplan:

Audeca Weichenplan

Audeca Gehäusebauplan

Ich wünsche viel Spaß beim Nachbau

 

Black Devil

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Links

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  • www.gazza-diy-audio.de: relativ neu in der Szene, daher noch wenige aber überzeugende Projekte / D.A.U. Mitglied
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