Andromeda

Nachdem die Apica recht gut bei den Selbstbauern ankam und Hendrik sogar ein sehr ausführliches und sehenswertes Video zur Box veröffentlicht hatte, kamen immer wieder Stimmen auf, die nach einem ausgewachsenen Stand-LS fragten. Natürlich hatte ich auch dafür bereits eine Idee im Kopf, die spätestens dann gereift ist, als Hendrik mir berichtete, dass er vor hat, eine große 3" Mitteltonkalotte ins Programm aufzunehmen.

Mitteltonkalotten sind inzwischen recht exotisch, da die Entwicklung der Konus-Chassis in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte gemacht hatte. Dennoch haben MT-Kalotten noch immer einige Vorteile zu bieten. Zum Einen sorgt die große Schwingspule dafür, dass auch hohe Dynamiksprünge ohne Kompressionserscheinungen vonstatten gehen, zum Anderen sind gute MT-Kalotten dafür bekannt, besonders sauber und ausgewogen zu spielen, was sich im linearen Frequenzgang ebenso spiegelt wie im schnellen und störungsfreien Ausschwingverhalten. Dass die Verzerrungen dazu im Einsatzbereich noch besonders niedrig sind, kann als weiterer Pluspunkt gelten. Bei all den tollen Eigenschaften fragt man sich, warum diese Mitteltöner heute kaum noch im Einsatz sind.

 

Das dürfte sowohl an der günstigeren Fertigung von Konus-Chassis, als auch an der recht hohen Einsatzfrequenz der Kalotte liegen. Um eine Mitteltonkalotte schon im Bereich um 500Hz oder gar darunter einzusetzen, muss diese sehr groß und damit relativ teuer sein, für einen Konus gilt diese Einschränkung nicht, was sie deutlich flexibler macht.

Glücklicherweise konnte Hendrik eine sehr interessante 3" MT-Kalotte finden, die nicht nur alle guten Eigenschaften besaß, sondern auch noch für einen erstaunlich günstigen Preis angeboten werden konnte. Damit passte sie optimal zu den hervorragenden Apis Tieftönern, die auch in der Apica zum Einsatz kamen. Und da sich der Standlautsprecher von der kleinen Apica auch dynamisch absetzen sollte, war eine doppelte Bestückung im Tiefton vorgesehen. Fehlte nur noch ein passender Hochtöner. Mit dem "Ribbon" genannten Bändchenhochtöner hatte Hendrik auch hier ein tolles Chassis im Angebot, welches zudem preislich perfekt passte. Mittelton-Kalotte plus echtes Bändchen, das ist eine Kombination, die ich schon sehr lange äußerst reizvoll fand.

Um das Gehäusevolumen nicht ausufern zu lassen, entschied ich mich dazu, je einen Tieftöner bassreflex und geschlossen laufen zu lassen. Ein ähnliches Konzept funktioniert z.B. bei der Italian Stallion ganz hervorragend. In rund 55L Bassreflex reicht der Apis bis knapp an die 30Hz Grenze, betont dabei aber den Bereich um 50Hz leicht. In den geschlossenen 20L dagegen fällt der Frequenzgang unter 70Hz schon langsam ab. Kombiniert ergibt das einen knackigen Oberbass und dennoch eine sehr tiefreichende Wiedergabe:

Apis Simulation 55 L BR vs. 22 L CB

Um das Gehäusevolumen optimal auszunutzen, läuft der obere Tieftöner im größeren Bassreflexgehäuse, der untere geschlossen:

Andromeda Innenaufbau

Das mag im ersten Moment ungewöhnlich wirken, aber das Bassreflex-Prinzip sorgt bei der Abstimmfrequenz dafür, dass sich die Membran kaum noch bewegt. Der BR-TT macht daher bis deutlich unter 30Hz eher weniger Hub als der geschlossen verbaute Tieftöner, und damit ist er der bessere Kandidat für die Ankoppelung an den Mitteltöner, falls wegen der etwas höheren Trennfrequenz eine 3,5 Wege Weiche nötig werden würde.

Der aufgebaute Prototyp durfte dann auch mit auf das 18. DAU-Treffen, welches kurz nach Fertigstellung stattfand.

Andromeda 1. Prototyp noch mit Ribbon

Dort haben wir alle Chassis gemessen und auch schon eine erste Simulation mit Vituixcad gemacht. Für einen Aufbau der Weiche fehlte am Ende aber leider dann doch die Zeit.

Also machte ich mich in den Tagen nach dem Treffen daran, die Weiche anhand der Simulation aufzubauen:

Andromeda Simulation mit Ribbon

Im Prinzip sieht das alles sehr brauchbar aus, im Fenster "Directivity" kann man aber schon erkennen, dass es unter Winkeln im Bereich um 3kHz nicht so ganz ideal läuft. Und leider konnte man das auch hören. Die Andromeda getaufte Box spielte im ersten Moment richtig gut und schien direkt zu überzeugen. Auch schwierige Stücke machten Spaß, der Bass überzeugte auf ganzer Linie und auch ganz oben im Hochton war es eine Freude, wie fein das Bändchen auflöste. Doch je länger man hörte, desto mehr machte sich das Gefühl bemerkbar, dass irgend etwas nicht so recht stimmte.
Das Umschalten auf die Referenz (8"TMT + Kalotte im Waveguide) zeigte dann, dass Diese im Mittelhochton trotz nur 2-Wegen besser und sauberer klang. Der Unterschied war nicht riesig, aber doch vorhanden und wenn man schon eine Mittelton-Kalotte einsetzt, muss diese auch ihre Stärken ausspielen.

Die Ursache dafür lag schlicht darin, dass der Mitteltöner aufgrund seiner Größe naturgemäß im Hochton bündelt. Er macht das aber nicht wie ein Konus-Chassis langsam und stetig zunehmend, je höher die Frequenz ist, sondern sprunghaft bei etwa 2,5kHz. Bis zu dieser Marke strahlt die Kalotte sehr breit ab, um dann darüber plötzlich recht stark zu bündeln. Vermutlich ist das der Punkt, an dem die Kalotte nicht mehr als Einheit schwingt, sondern zunehmend nur noch am Rand im Bereich der Schwingspule abstrahlt.

Das hatte ich so nicht kommen sehen, aber man lernt eben nie aus. Das Problem dabei war jedoch, dass der verbaute Hochtöner nicht unter 3kHz eingesetzt werden sollte, eher sogar noch etwas höher, wenn man auch entsprechende Pegelfestigkeit gewährleisten möchte. Es gab also nur zwei Möglichkeiten, wie es weitergehen konnte. Entweder man akzeptiert dieses Missmatch zwischen MT und HT und veröffentlicht einen guten Lautsprecher, der optisch einiges her macht und ohne direkten Vergleich durchaus zufriedenstellend spielt, oder man macht es richtig und sucht nach einer Lösung, die am Ende wirklich überzeugen kann.


Da ich keinesfalls einen Lautsprecher mit nur durchwachsenem P/L-Verhältnis präsentieren wollte, kam nur die zweite Möglichkeit in Frage. Auf die MT-Kalotte wollte ich nicht verzichten, deshalb ging erneut die Suche nach einem Hochtöner los. Mit dem Linea hätte hs-sound zwar auch ein größeres Bändchen im Angebot, welches vermutlich eine passende Trennfrequenz ermöglicht hätte, aber Hendrik hatte inzwischen noch ein weiteres Highlight ins Programm aufgenommen.

Der Orbita genannte AMT erinnert stark an die sehr kostspieligen Modelle eines deutschen Herstellers. Er bietet alle Vorteile des vorher verbauten Bändchens, also extrem geringe bewegte Masse und einen sehr ausgewogenen Frequenzgang, kann aber zusätzlich mit einer ausreichend tiefen Einsatzbarkeit sowie AMT-typischen, hohen dynamischen Fähigkeiten glänzen. Einziger kleiner Wehrmutstropfen war die mit 138mm deutlich größere Frontplatte, womit er nicht einfach getauscht werden konnte. Doch glücklicherweise passte er nach einem kleinen Umbau dennoch ins schon vorhandene Testgehäuse. Dass die Box nun um eine Plattenstärke höher war als vorher, war leicht zu verschmerzen.

Die anschließenden Messungen zeigten, dass sich der Aufwand gelohnt hatte. Nun konnte die Trennfrequenz in einen Bereich verschoben werden, der keine Probleme mehr beim Abstrahlen verursachte. Und schon der erste schnelle Weichenentwurf zeigte, dass es auch klanglich sofort einen deutlichen Schritt in die richtige Richtung ging. Die Referenzbox hatte nun sehr zu kämpfen und nahm die meiste Zeit den zweiten Platz ein. Ich war also zuversichtlich, dass die Feinabstimmung am Ende restlos überzeugen kann und wir ein weiteres Projekt vorstellen können.

Durch eine hartnäckige Mittelohrentzündung wurde diese Feinabstimmung allerdings jäh ausgebremst. Wieder zogen einige Wochen ins Land und die Box drohte schon zu einer Neverending-Story zu werden.


Da kam mir ein Angebot von Nico Germanos, Kopf von Quint-Audio und langjähriger Freund des DAUs, gerade recht. Nico fand das Konzept sehr spannend und arbeitete aktuell an einer Arbeit zur Funktion von AMTs (die offenbar gar nicht wirklich so funktionieren, wie es die Theorie von Oskar Heil beschreibt). Daher war die Andromeda mit dem Orbita im Hochton ein willkommenes Testobjekt und er bot an, die Box professionell zu vermessen und abzustimmen. Ich hab den Lautsprecher daher kurzerhand ins Auto gepackt und nach Senden gebracht. Ein Besuch bei Quint lohnt sich ohnehin immer, denn mehr Insider-Wissen als bei Nico bekommt man sonst wohl nirgends in der Branche. Bei der Gelegenheit beschlossen wir auch gleich, dass es mal wieder Zeit für ein Treffen wäre und so haben wir uns kurzerhand den Workshop für unsere Facebook-Community ausgedacht. Bei der Gelegenheit konnte ich dann auch die Andromeda wieder abholen - klasse!

Ende Februar '26 war es dann so weit, die Box war fertig abgestimmt und Nico schickte mir alle Messungen und sonstigen Informationen zu. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank dafür Nico!! Wer ihn kennt, weiß, dass blumige Beschreibungen nicht so sein Ding sind. Sein Kommentar zur Andromeda war kurz und knapp: "Geht wie Sau!"

Da ich Nicos Fähigkeiten blind vertraue, machte ich mich direkt daran, ein Platinenlayout zu entwerfen. Natürlich habe ich die Kritiker bei der Apica-Platine ernst genommen und dieses Mal darauf geachtet, alle Bauteile im rechten Winkel anzuordnen. Die fertigen Platinen kamen nach ein paar Tagen bei Hendrik an und auch Jantzen lieferte die passenden Bauteile kurze Zeit später.


Bevor es aber in den Shop kann, musste ich natürlich erst einmal alles aufbauen und testen.

Andromeda Weichenplatine bestückt

Ein Fehler in der Platine wäre für Nachbauer natürlich fatal, aber glücklicherweise funktionierte alles wie gewünscht. Die anschließenden Messungen entsprachen denen von Quint-Audio:

Andromeda neue Simulation mit Orbita 0° + Einzelzweige

Andromeda Simulation mit Orbita 0° - 45°

Andromeda Impedanzverlauf, Wasserfall und Klirr

Andromeda Polardiagramm

Der Frequenzgang weißt nur eine Schwankungsbreite von +-1,5dB auf, die Trennung erfolgt sauber bei gut 500 und 2000Hz und auch das Abstrahlverhalten lässt kaum Raum für Kritik. Die Impedanz bleibt jederzeit innerhalb der 4-Ohm Toleranz und stellt damit kein Problem für jeden einigermaßen stabilen Verstärker dar.


Im Wasserfall und beim gutmütigen K2 Klirr sieht man um 3kHz noch leichte Reste der Resonanz des Mitteltöners. Das ist allerdings nur auffällig, weil alles Andere sonst auf sehr hohem Niveau läuft. Beim kritischen K3 Klirr bleibt ab 300Hz aufwärts selbst bei der 105dB Messung alles unter 0,5%, was für eine außergewöhnlich saubere Spielweise auch bei sehr hohen Pegeln spricht.

Und wie klingt es nun? Das musste sich zu aller erst, wie so oft, bei Storm Warning von Bob James zeigen. Das Klavier und die Stimme seiner Tochter Hillary sind an einigen Stellen dieses Songs ganz nahe an der Nerv-Grenze. Spielt ein Lautsprecher nur einen Tick zu übertrieben im Mittelhochton, macht sich das hier sofort bemerkbar. Andererseits kann eine zu zurückhaltende Abstimmung für einen langweiligen Klangeindruck sorgen.


Die Andromeda klang schon bei den ersten Takten sehr sanft und schmeichelte dem Ohr. Hillarys Stimme hatte einen Schmelz, den ich in dieser Form selten gehört habe. Deshalb befürchtete ich schon fast ein wenig, dass es insgesamt zu defensiv klingen könnte, doch als der Song nach ein paar Momenten etwas Fahrt aufnahm war alles da, genau so wie es sein sollte. Stimme und Klavier tänzelten an der Kante zum Unangenehmen, bekamen aber immer wieder rechtzeitig die Kurve. Sehr gut produzierte Musik bot ein plastisches Klangbild und überzeugte auf ganzer Linie. Stimmen wirkten sehr klar, aber niemals überrepräsentiert, wie man es zum Beispiel oft bei spärlich beschalteten Breitbändern hört. Aber auch weniger gute Produktionen sind mit der Andromeda sehr gut hörbar. Man registriert zwar durchaus die Defizite, sie werden einem aber nicht übermäßig um die Ohren gehauen.

Der AMT steht dem vorher eingesetzten Bändchen in nichts nach, löst wunderbar auf und bleibt auch bei sehr hohen Pegeln absolut relaxt. Am anderen Ende des Spektrums zeigten die beiden Apis, dass sie zurecht ausgewählt wurden. Sie untermauern das Klangbild mit einem gleichzeitig warmen, aber auch druckvoll klarem Bassteppich. Der Plan mit zwei verschiedenen Gehäusen ging also auf. Der Mitteltöner ist durchaus so etwas wie der heimliche Star, wobei er das aber eben nie zu sehr zur Schau stellt. Im Gegenteil, er fällt eher dadurch auf, dass er so harmonisch mit seinen Mitstreitern zusammenspielt.

Bei allem Lob gibt es aber auch einen kleinen Kritikpunkt: Die Andromeda ist kein Lautsprecher fürs Nahfeld. Unter 2m Abhördistanz verschmelzen die Chassis nicht mehr ganz so gut zu einer Einheit. Aber wer stellt sich so eine Box schon in eine Besenkammer...

Die Andromeda wird in Kürze bei hs-sound.de im Shop gelistet sein, auf Wunsch auch mit Platinen für die Weichen.


Ein professioneller Bauplan ist schon in Arbeit, für ganz Eilige gibt es aber hier auch noch eine einfache Skizze + Baubeschreibung:

Andromeda Bau- und Weichenplan

Die Weichen- und Baupläne sind für private Nutzung freigegeben. Jegliche Form der gewerblichen Nutzung oder Verbreitung ohne vorherige Absprache ist untersagt.

Shops rund um das Hobby

  • Blitzsauberen Support für DIYler und interessantes HiFi-Material bietet im neuen Quint Store das Team um Nico Germanos
  • Sica Chassis zu deutlich günstigeren Preisen als bei deutschen Händlern gibt es bei Jukebox-Revival in den Niederlanden
  • Breit gefächtertes Angebot an Chassis, etc:  Lautsprechershop.de
  • Bauteile für Weichen findet man ebenso im Quint Store
  • große Auswahl an Chassis und günstige Preise in Frankreich (manchmal längere Lieferzeiten aber absolut seriös): TLHP
  • Chassis, Weichenteile und öfters mal Angebote bei Intertechnik

Links

  • donhighend.de: Alex baut seit einer gefühlten Ewigkeit Lautsprecher und teilt sein Wissen über seine Site / D.A.U. Mitglied
  • www.gazza-diy-audio.de: relativ neu in der Szene, daher noch wenige aber überzeugende Projekte / D.A.U. Mitglied
  • Roul-DIY: Newcomer in der Entwickler Szene / D.A.U. Mitglied
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