Pimp my AEG LB4711

Ich habe neulich mal wieder bei youtube ein paar Videos geschaut, unter anderem welche zu einem Test bzw. Umbau der Auna L766. Im Prinzip alles ganz interessant, allerdings fand ich die dabei gemachten Messungen wegen des vertikaler Messwinkels nicht besonders glücklich. Auch der Versuch, die Box besser abzustimmen verlief eher fragwürdig, denn man hat dabei den günstigen Hochtöner bis 1,5kHz hinunter und gleichzeitig die TMT bis 6kHz (!!) hinauf laufen lassen. Alle Chassis laufen also über ganze zwei Oktaven mit vollem Pegel parallel - das kann nicht funktionieren.

Dass für dieses mangelhafte Ergebnis auch noch Weichenteile für über 30€ pro Box, also in etwa so viel wie der ganze Lautsprecher an sich gekostet hat, verwendet wurden, macht die ganze Geschichte noch zweifelhafter. Ich fand das sehr schade, denn man hätte zeigen können, wie man auch mit günstigem Material ordentlichen Klang erzielen kann.


Daher habe ich mir gedacht, ich hole mir auch so ein Pärchen und schaue mal, was sich damit anstellen lässt. Da Auna meine Bestellung verbummelt hat und der Preis anschließend um 20% gestiegen ist, suchte ich auf dem Gebrauchtmarkt und fand die vermeintlich baugleiche AEG LB4711.

Wie sich herausstellte, sind die beiden LS aber nur optisch gleich, technisch weichen sie sehr voneinander ab. So haben die TMT der AEG jeweils 4 Ohm und laufen in Reihe, die der Auna haben 12 Ohm und sind parallel geschaltet. Auch die Weiche ist bei der AEG mit ganzen 3 Bauteilen bestückt, wo bei der Auna nur ein einziger Cap für den HT verwendet wird.

Als erstes habe ich die TSP der TMT gemessen, da diese auch bei der Auna schon kaum brauchbare Werte aufwiesen, habe ich auch bei den AEG-Versionen nicht viel erwartet. Die Ergebnisse waren dennoch erschreckend schlecht:

Simuliert man die beiden Chassis in dem 32L Gehäuse mit dem originalen Reflexrohr von 6,5cm Durchmesser und 10cm Länge, kommt das raus:

Puh - das ist echt mal eine krasse Fehlabstimmung. Die riesige Überhöhung bei 100Hz kommt durch die extrem hohe Güte der Chassis zustande und bleibt selbst beim Verschließen des BR-Kanals bestehen:

Verschließt man also einfach nur den Reflexkanal, ändert sich an der Fehlabstimmung kaum etwas, außer dass man praktisch den kompletten Tiefbass unterhalb 60Hz eliminiert. Auch Experimente mit einer kontrollierten Undichtigkeit änderten nicht wirklich viel an der Überhöhung und verminderten nur den Output im Tiefbass.

Die Überhöhung bei 100Hz muss man also wohl oder übel schlucken. Das hat zur Folge, dass die Lautsprecher im Bass ähnlich spielen wie die vielen Bluetooth-Boomboxen, die es derzeit an jeder Ecke gibt, nur dass auch noch ein wenig Tiefbass mit dazu gemischt wird. Dem Einen oder Anderen mag das sogar gefallen und bei moderner Pop-Musik ist das sogar oft schon in der Produktion mit berücksichtigt worden. Außerdem kauft sich wohl niemand so eine Box um mit wirklich hohem Anspruch Musik hören zu wollen.

Schauen wir uns also an, wie es um den restlichen Frequenzgang bestellt ist. Natürlich wurde dabei auf Höhe des Hochtöners gemessen - alles Andere macht bei einer so bestückten Box gar keinen Sinn. Beim Hören sollte der Hochtöner dann auch möglichst auf Ohrhöhe platziert sein oder der Lautsprecher zumindest auf den Hörplatz angewinkelt sein.
Mit der originalen Weiche aus einer 0,39mH Spule und zwei 4,7µF Elkos misst sich die Box wie folgt:

Wie zu erwarten funktioniert die rudimentäre Weiche überhaupt nicht. Da fragt man sich schon, was sich ein Hersteller dabei denkt. Vor allem die massive Überhöhung zwischen 3 und 6kHz fällt sehr unangenehm auf - und die Box klingt auch entsprechend.

 

Mal sehen, wie sich die Chassis in der Einzelmessung schlagen.

Die TMT messen sich gar nicht so übel und laufen bis etwa 3kHz zwar nicht super linear, aber durchaus brauchbar. Der Hochtöner hat dagegen zwei breite Senken und ist im Vergleich zu den TMT auch relativ leise. Mit etwas Geschick sollte sich die untere Senke allerdings in den Bereich der Trennung legen und damit unschädlich machen lassen.

Zu meiner Freude ließen sich die TMT dann auch sehr einfach beschalten - lediglich eine Spule und ein Kondensator war für die saubere Trennung nötig. Der Hochtöner erforderte etwas mehr Aufwand, ließ sich schließlich aber auch mit 3 Bauteilen zu einem zufriedenstellenden Ergebnis überreden:

Insgesamt recht ausgewogen mit einer Senke bei rund 2,7kHz, die allerdings auch den scharfen Gehäusekanten zuzuschreiben ist und daher keinesfalls ausgeglichen werden darf, sonst ergibt sich hier unter Winkel eine deutliche Überhöhung.


Die Trennung funktioniert makellos und gäbe es nicht die Schwäche des Hochtöners zwischen 5 und 9kHz, wäre das sogar ein hervorragendes Ergebnis.


Aber auch so reden wir hier von einem Frequenzgang mit +-2,5dB über das gesamte Spektrum. Da gibt es einige, auch sehr hochpreisige LS, die das nicht schaffen.

Natürlich ist das Rundstrahlverhalten nicht super ausgewogen wie bei einem LS mit Waveguide. Bei rund 3kHz strahlt die Box sehr breit ab. Das darf aber als akzeptabler Makel angesehen werden.

Mittelt man alle Winkelmessungen zusammen mit der Achsmessung, ist das noch immer ziemlich ausgewogen:

Schauen wir uns nun noch einmal den Achsfrequenzgang zusammen mit der Messung der originalen Abstimmung an:

Beeindruckend ist, dass man für dieses Ergebnis lediglich zwei Bauteile mehr benötigt, als in der Box vom Werk aus verbaut waren. Und wer jetzt denkt, dass diese Teile besonders teuer sind, den muss ich enttäuschen - die neue Weiche kostet ganze 7,30€ pro Box im Quint-Store:

Hier noch die dazugehörige Weichenschaltung:

Für die 0,27mH Spule kann man die originale Spule aus der AEG-Box verwenden. Diese muss nur ausgelötet und anschließend 25 Wicklungen abgewickelt werden. Dabei immer darauf achten, dass der Draht gespannt bleibt und sich die Wicklungen der Spule nicht lockern. Hat man die 25 Wicklungen abgewickelt, kann man etwa 130cm Draht abknipsen. Bevor nun die gekürzte Spule verwendet werden kann, muss noch der Lack von dem abgeknipsten Ende entfernt werden. Das geht mit einem scharfen Messer (abschaben) oder auch mit einem Feuerzeug.


Es empfiehlt sich noch, Dichtband um die Chassis herum zu befestigen. Meine LS produzierten bei 120Hz (unterer TMT) und 210Hz (oberer TMT) sehr deutliche Störgeräusche. Auch eine lockere Füllung mit Ikea Inner Kissen ist zu empfehlen, damit klingt die Box weniger hohl.

Klanglich bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Natürlich ist das nicht mit einer richtig guten Box vergleichbar, aber als Beschallung für den Hobbykeller, das Jugendzimmer oder die Studentenbude mit sehr kleinem Budget geht das vollkommen in Ordnung. Ich habe die Stick mit dem TangBand W4-655 mal daneben gestellt und da schneidet die AEG doch deutlich besser ab.
Für die beiden LS habe ich in den Kleinanzeigen gerade mal 50€ bezahlt. Weiche und Dämpfung kommen noch einmal auf rund 20€. Macht also ca. 70€ für ein ordentliches Paar Lautsprecher mit ausreichend Membranfläche, um auch mal kleinere Feiern beschallen zu können. Was will man mehr...!?

Kommentare: 3
  • #3

    Peter (Freitag, 11 Februar 2022 23:04)

    Ein sehr interessanter Beitrag. Wenngleich ich (auch zu diesem Zweck) nie einen AEG Lautsprecher kaufen würde, würde mich der Vorher/Nachher-Höreindruck doch brennend interessieren. Was die erwähnten Videos zur Auna betrifft, frage ich mich, ob ich diese nicht in der Lautsprecherwerkstatt gesehen habe ;)

    Viele Grüße und macht weiter so

  • #2

    Johannes (Mittwoch, 02 Februar 2022 12:19)

    Echt cooles Projekt mit Recycling Charakter, die Umwelt dankt und die Ohren natürlich auch :-)

    Gratulation Oli!

  • #1

    Frank (Franky Boy) (Montag, 31 Januar 2022 14:07)

    Ich bin mittlerweile sicher, dass diese "Schanzenabstimmung" mit dieser riesigen Überhöhung im Oberbass absolut gewollt ist. Jeder normalen Musikkonsument, den ich frage, staunt über den "Klang" der kleinen Bluetooth Dinger, weil nahezu jeder viel Bass mit gutem Klang gleichsetzt.

    Selbst in meinem Leasing-VW mit Dynaudio-Anlage (also die bessere) musste ich den sogenannten Equalizer im Tiefton auf -5 stellen, dafür den Subwoofer aber hoch drehen, um einen akzeptablen Klang zu erzielen. Was genau -5 dabei bedeutet, verschweigt das Menü allerdings. Keine Ahnung, ob es 5db oder eine ausgedachte Einheit ist.

    Schönes Projekt jedenfalls, das zeigt, dass man mit etwas mehr Liebe einen guten Lautsprecher bauen kann.

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Links

  • donhighend.de: Alex baut seit einer gefühlten Ewigkeit Lautsprecher und teilt sein Wissen über seine Site / D.A.U. Mitglied
  • www.gazza-diy-audio.de: relativ neu in der Szene, daher noch wenige aber überzeugende Projekte / D.A.U. Mitglied
  • Roul-DIY: Newcomer in der Entwickler Szene / D.A.U. Mitglied
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